Fachbereich Bund + Länder NRW

    Personalmangel Im öffentlichen Dienst fehlen 110.000 Vollzeitstellen

    Personalmangel Im öffentlichen Dienst fehlen 110.000 Vollzeitstellen

    Im öffentlichen Dienst von Bund, Ländern und Gemeinden fehlen derzeit rund 110.000 Vollzeitstellen. Besonders betroffen sind Polizei, Schulen, Universitäten und Kitas sowie die Finanzverwaltung. Zu diesem Ergebnis kommt der Finanzexperte Dieter Vesper in einer Studie, die im Auftrag  des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung erstellt wurde.

    Der Untersuchung zufolge handelt es sich beim aktuellen Personalmangel um Nachwehen des extremen Stellenabbaus zwischen 2002 und 2008. In diesem Zeitraum seien 370.000 Vollzeitstellen im öffentlichen Dienst gestrichen worden, so Vesper. Zwar habe man in den Jahren nach 2008 wieder vermehrt Einstellungen vorgenommen. Dennoch verfüge der Öffentliche Dienst mit insgesamt über knapp 200.000 Vollzeitstellen weniger als 2002. Die Zahl nahm demnach von 4,3 auf 4,1 Millionen ab.  

    Ein Teil des Schwundes geht laut Vesper auf das Konto der Bundeswehr, die im Vergleichszeitraum deutlich abgespeckt wurde. Auch Umstrukturierungen bei der Bahn führten zu Stellenstreichungen. In der Folge fiel der Aderlass auf Bundesebene mit einem Minus von fast zwölf Prozent zwischen 2005 und 2015 besonders kräftig aus.

    Spürbarer Stellenmangel

    Für die Bevölkerung spürbarer wirkt sich laut Vesper der Stellenmangel im Bildungs-, Kinderbetreuungs- und Polizeibereich aus. Zwar seien insbesondere an Universitäten und Hochschulen in den vergangenen Jahren zusätzlich Kräfte eingestellt worden. Doch zum einen handele es sich in vielen Fällen lediglich um zeitlich begrenzte Verträge. So stieg die Zahl der befristeten Lehrbeauftragten zwischen 2005 und 2015 von 57.000 auf 99.000 an. Zum anderen habe auch die Zahl der Studenten stark zugenommen. Eine ähnlich Situation ergibt sich bei den Kitas: Einem spürbaren  Personalaufbau – zwischen 2006 und 2015 wurden laut Vesper 55.000 zusätzliche Vollzeitstellen geschaffen - steht ein gestiegener Betreuungsbedarf gegenüber. Insbesondere der Krippenausbau für unter Dreijährige machte viele Neueinstellungen nötig.

    Soziale Gerechtigkeit Immer mehr Armut unter Vollzeitbeschäftigten

    Auch mit Blick auf die Aufgaben, die Schulen und Kitas für Flüchtlingskinder schultern müssten, sind laut Vesper zusätzlich 10.000 Lehrkräfte sowie knapp 42.000 Erzieherinnen und Erziehern notwendig. Zudem müssten wegen absehbar weiter steigender Studentenzahlen bis 2025 zwischen 5000 und 10.000 Lehrstuhlinhaber eingestellt werden.

    Kein Polizistenmangel in Ostdeutschland

    Während in den ostdeutschen Ländern laut Studie bei der Polizei kein Personalmangel herrscht, fehlen in den westlichen Bundesländern insgesamt rund 14.000 Beamte sowie noch einmal 1000 Stellen bei der Bundespolizei.“

    Besagte Neueinstellungen sind nach Ansicht der stellvertretenden DGB-Vorsitzende Elke Hannack überfällig: Nach Jahrzehnen des Abbaus müsse die Politik „langfristig massiv in eine bedarfsgerechte Personalausstattung“ investieren. Neben dem von Vesper ermittelten Bedarf an mehr als 100.000 Mitarbeitern stehe der öffentliche Dienst vor einer Pensionierungswelle: „Allein dadurch sind jährlich zusätzlich über 100.000 Stellen neu zu besetzen.“ Die Personalknappheit äußere  sich in enormen Überstundenrekorden, hohen Krankenständen und langen Warteschlangen vor Bürgerämtern: „Die Leistungen der öffentlichen Hand müssen wieder besser werden.“

    Wachsende Personalkosten

    Nach Berechnungen des Finanzexperten Vesper ließen sich 110.000 Vollzeitbeschäftigte zusätzlich durchaus finanzieren. Bei einem allmählichen Aufbau um 20.000 Stellen pro Jahr bis 2022 kämen um jeweils eine Milliarde Euro wachsende Personalkosten auf die öffentlichen Haushalte zu.

    Von 2022 an wären das mithin sechs Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich, verteilt auf Bund, Länder und Gemeinden. Eine angesichts der Haushaltsüberschüsse zumutbare Belastung, findet Vesper: „Das sollte für die Politik in jedem Fall ein lösbares Problem sein.“

    – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/25100798 ©2016