Bundesfinanzverwaltung

    SWR: Die Welt des Zolls

    SWR: Die Welt des Zolls

    Kokain in Brustimplantaten, Schimpansenpfoten - Zöllner finden die erstaunlichsten Sachen. Heute ist der Zoll eine Allzweckwaffe des Bundes - und eine unverzichtbare Einnahmequelle: Jahr für Jahr spült seine Arbeit mehr als 100 Milliarden Euro in die deutschen Kassen.

    Der Zoll bekämpft Schwarzarbeit ebenso wie illegalen Waffenhandel. Seine Mitarbeiter spüren gefälschte Markenartikel und verunreinigte Lebensmittel auf, kontrollieren den Mindestlohn, ziehen die Energiesteuer, die Einfuhrumsatzsteuer, die Biersteuer und seit jüngstem auch die KfZ-Steuer ein.

    Eine typische Szene aus dem Alltag: Wir sind in einer Abfertigungshalle am Frankfurter Flughafen. Hier werden schon die Koffer für die nächste Zoll-Kontrolle aufgestellt. Drogenhund Tito beobachtet die Szene zwar aufmerksam, steht aber geduldig neben Fritz Haensel. Der Zollbeamte heißt in Wirklichkeit anders, will aber wie die meisten seiner Kollegen aus Sicherheitsgründen nicht mit seinem echten Namen genannt werden.

    Titos Hundeführer erklärt die Vorzüge von Drogenhunden. Deren Ausbildung kostet zwar so viel wie ein Kleinwagen. Aber die Investition lohnt sich. Ein Hund hat – je nach Rasse – zwischen 125 bis 220 Millionen Riechzellen, und da liegt der Vorteil klar auf der Hand.

    Etwa 60 Millionen Passagiere kommen jedes Jahr in Frankfurt an. Tito und seine Kollegen sind unverzichtbar, wenn man so viele Menschen und ihr Gepäck zumindest auszugsweise effizient kontrollieren will. Mit seinem feinen Geruchssinn hat Tito seine Ausbildungskosten für den Zoll schon hundertfach wieder hereingeholt.

    Unerbittliche Beamte

    Stichprobenartig wird das Gepäck auf verbotene Mitbringsel kontrolliert, etwa auf artengeschützte Tiere oder gefälschte Markenwaren. Aber auch auf Waffen und Drogen. Die Fluggäste wollen nach ihrer Reise den Flughafen schnell verlassen, und eine Zollkontrolle kostet sie Zeit und Nerven. Doch die Beamten sind hier unerbittlich, und so muss mancher Koffer oder Rucksack erst durchs Röntgengerät, ehe die Reise weitergehen kann. Natürlich nur, wenn sich nichts Illegales findet.

    Der Erfolg gibt den Zöllnern recht. Seit Jahren finden sie am drittgrößten Flughafen Europas zum Beispiel deutlich weniger Drogen. Das hat auch mit den Drogenhunden zu tun. Ihre hohe Trefferquote hat sich bei Dealern und Kurieren herumgesprochen. Dennoch versuchen es die Drogenkartelle immer wieder.

    Sie setzen darauf, dass ihre Kuriere in der Menge der Passagiere untergehen, wenn sie wie alle anderen Fluggäste an den Zollbeamten im Ankunftsbereich des Flughafens vorbei müssen. Um nicht aufzufallen, lassen sie sich immer neue und riskantere Wege einfallen.

    Brutale Methoden

    An einen besonders krassen Fall erinnert sich Hans-Jürgen Schmidt von der Zollfahndung in Frankfurt noch sehr gut: Kokainimplantate in Brüsten. Eine brutale Methode der Drogenkartelle, denn solche Eingriffe werden wohl kaum unter sterilen Bedingungen im OP einer öffentlichen Klinik durchgeführt. Das Risiko für Leib und Leben tragen alleine die Kuriere – oft genug aus blanker Not heraus.

    Hans-Jürgen Schmidt ist Zollfahnder. Er und seine Kollegen sind quasi die "Kripo des Zolls". Acht Zollfahndungsämter gibt es in Deutschland. Sie ermitteln gegen Drogenhändler, Waffenschieber, Fälscherbanden oder Zigarettenschmuggler.

    Neben den Zollfahndern gibt es noch die Beamten in den Büros und an den Schaltern der rund 350 Zoll- und Hauptzollämter. Sie verteilen sich wie ein dichtes Netz über ganz Deutschland, in fast jeder größeren Stadt gibt es ein Amt.

    Auch im internationalen Postzentrum in Frankfurt arbeiten Zöllner. In einer riesigen Halle, zwischen Sortieranlagen und Förderbändern für Briefe, Pakete und Postsäcke fischen die Beamten Postsendungen heraus, die ihnen verdächtig vorkommen. Weil beim Päckchen zum Beispiel die Inhaltsangabe fehlt oder weil der Geruch oder das Herkunftsland auffallen. Selbst öffnen dürfen die Zöllner die Sendungen wegen des Postgeheimnisses nicht. Das macht ein Postbeamter, der eigens neben ihnen steht.

    Globalisierte Schnäppchenjagd

    Das internationale Postzentrum am Frankfurter Flughafen ist der Umschlagplatz für alles, was per Luftfracht aus Nicht-EU-Ländern kommt. Das sind Hunderte Tonnen Sendungen, jeden Tag. Durch den Onlinehandel ist das Paketaufkommen in den letzten Jahren geradezu explodiert.

    Die globalisierte Schnäppchenjagd kann freilich Probleme bereiten, etwa wenn sich die Edelhandtasche als Fälschung herausstellt. Dann beschlagnahmen die Zöllner die Ware, schicken sie als Probe an den Originalhersteller oder vernichten sie. Der Kunde schaut in die Röhre - das bereits gezahlte Geld für das vermeintlich gute Stück ist weg.

    Jedes Jahr spült der Zoll dem deutschen Staat etwa 100 Milliarden Euro in die Kassen. In den EU-Topf fließen aus Deutschland jährlich etwas mehr als 5 Milliarden Euro. Das ist den wenigsten bewusst. Doch Zölle dienten seit jeher der Regelung der Staatsfinanzen.

    Europäische Zollunion

    Zollbeamte kontrollieren, ob der Mindestlohn eingehalten wird, und gehen gegen Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung vor. Meist kommen sie unangemeldet, zu zweit oder in Mannschaftsstärke – je nachdem, ob es um einen kleinen Friseurladen oder um eine Großbaustelle geht.

    Die Europäische Union steht für Freizügigkeit, weitgehend für eine gemeinsame Währung und vieles mehr – sie ist aber auch eine Zollunion. Ganz praktisch bedeutet das seit 1968 für ihre Mitgliedsstaaten einen freien Warenverkehr, der nicht durch Zölle behindert wird.

    Von diesen Dimensionen konnte man vor gut 180 Jahren nur träumen. Damals, am 1. Januar 1834, wurde der Deutsche Zollverein gegründet, von der Idee her ein Vorläufer des Europäischen Binnenmarkts. Nur waren die Mitglieder nicht andere europäische, sondern deutsche Staaten.

    Zehn Mal Zoll zahlen

    Vor allem die Kleinstaaterei war es, die als wirtschaftliche Bremse galt. Denn jeder Provinzfürst erhob eigene Zölle, um seine Einnahmen zu sichern. Schon 1819 forderte deshalb Friedrich List, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Tübingen, in einer Denkschrift an den Bundestag die "Aufhebung der Zölle im Innern Deutschland".
    Zehn Mal Zoll zahlen – das bedeutete für die Händler, sich in zehn Ländern mit zehn verschiedenen Währungen herumzuschlagen, zehn Mal Geld zu tauschen, sich auf zehn verschiedene Gewichts- und Längensysteme einzustellen.

    Das verteuerte die deutschen Waren ungemein. Deshalb forderten einflussreiche Vordenker, neben einer Zollunion auch ein einheitlichen Münz-, Maß- und Gewichtssystems zu schaffen.

    Was in diesem historischen Bericht voller Pathos bejubelt wurde, war das Ergebnis langer und harter politischer Auseinandersetzungen Preußens mit den anderen deutschen Staaten. Dabei gab es in Berlin – entgegen bis heute bestehender Auffassungen - niemals die Absicht, mit dem Zollverein einen deutschen Nationalstaat zu begründen. Preußen wollte vor allem seine ökonomischen Ziele verwirklichen.

    Viel Kontrolle und wenig Kontrolle zugleich

    Trotz des europäischen Binnenmarkts – geschmuggelt wird bis heute. Waren aus dem Gebiet jenseits der Zollunion, die nicht ein- oder ausgeführt werden dürfen, Plagiate, illegale Güter. Natürlich können die Zöllner nicht lückenlos kontrollieren. Würden sie jeden Touristen, jeden Händler untersuchen, alle LKWs, Schiffscontainer, Züge und Luftfrachten – unsere Wirtschaft stünde still.

    Deshalb entscheidet man sich beim Zoll für das Prinzip "so viel Kontrolle wie nötig und so wenig Kontrolle wie möglich". Natürlich bleiben so Schlupflöcher für Schmuggler.

    Die deutschen Zöllnerinnen und Zöllner bekämpfen den Drogenhandel, kümmern sich um den Artenschutz, erheben Steuern, verfolgen Schwarzarbeit, kontrollieren Fälschungen und die Ausfuhr sensibler Bauteile, mit denen sich auch Atom- oder Chemiewaffen bauen ließen. Die Aufgabenliste ließe sich noch um einiges fortsetzen.

    Als 1993 die EU-Binnengrenzen fielen, wurden die Zollämter an den Grenzen aufgelöst. Die ehemaligen Grenzbeamten übernahmen andere Tätigkeiten. Seither hat der Zoll mehr und mehr Aufgaben aufgebürdet bekommen. Aber taugt er wirklich als "Mädchen für alles" – oder stößt er langsam an seine Kapazitäts-Grenzen? Sicher ist: die Arbeit des Zolls ist ebenso vielfältig wie verantwortungsvoll.

    Quelle: http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/die-welt-des-zolls/-/id=660374/did=17857422/nid=660374/1yopniq/index.html