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Personalbedarf im Öffentlichen Dienst - Deutschland wird kaputt …

Personalbedarf im Öffentlichen Dienst - Deutschland wird kaputt gespart

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110.000 neue Stellen fehlen im Öffentlichen Dienst. Ein Steuerfahnder oder Betriebsprüfer bringt etwa fünf bis sieben Mal so viel ein wie er kostet.

plusminus: Im Öffentlichen Dienst wurde in den vergangenen Jahren so viel gekürzt und gestrichen, dass er an vielen Stellen seine Aufgaben nicht mehr vernünftig erfüllen kann. Das schadet den Bürgern und kostet langfristig viel Geld.

Sogar Pflichtunterricht fällt aus
Stuttgart, erster Schultag. Der kleine David freut sich schon. Auch seine Mutter Kathrin. Doch die Elternbeirätin weiß, dass es für die Kinder nicht leicht werden wird. Der Lehrermangel ist riesig. Kathrin Grix, Vorsitzende Gesamtelternbeirat Stuttgart, sagt: "Es sieht jetzt wirklich so aus, dass wir komplett auf Kante genäht sind. Es ist an manchen Schulen selbst der Pflichtunterricht noch nicht zu 100 Prozent abgedeckt. Was Wahlfächer angeht, kann man das sowieso vergessen. Und wenn nur eine Lehrerin schwanger wird oder wir jetzt auf die Grippewelle zusteuern, dann bricht das ganze System zusammen."

Deutschland wird kaputt gespart
Und das fast überall in Deutschland. Ob in Schulen, bei der Polizei, in der Verwaltung oder in Kindergärten, der Öffentliche Dienst wurde kaputtgespart, sagt Dieter Vesper, der dazu eine umfangreiche Studie erstellt  hat: "Deutschland liegt im Bildungsbereich doch ziemlich weit hinten. Ebenso im Bereich der frühkindlichen Erziehung, also das, was in Kindertagesstätten und Kindergärten an Erziehungsmaßnahmen stattfindet. Da sind die skandinavischen Länder weit vorne. Deutschland hat hier zwar in den letzten Jahren aufgeholt, aber die Situation ist noch immer unbefriedigend."

Im Öffentlichen Dienst wird an Personal gespart - der falsche Weg.
Allein in Schulen, Krippen und Kindergärten fehlen nach dieser Studie aktuell 52.000 Fachkräfte. Viel besser ist die Versorgung in den Niederlanden. Dort werden pro Jahr und Schüler sieben Prozent mehr investiert als in Deutschland. In Österreich sind es 17 Prozent, in Dänemark sogar 20 Prozent mehr als bei uns.

Massive Engpässe auch bei Steuerfahndung und Justiz
Monika Heckmann-Schulz ist Steuerfahnderin in Stuttgart und Personlrätin. Auch in den Finanzämtern gibt es große und teure Personallücken: "Ich bin jetzt über 30 Jahre in der Finanzverwaltung. Ich habe eigentlich noch nie keine Rotstift Politik erlebt. Es war eigentlich fast immer so, dass man gesagt hat, man muss sparen. Und da noch und dort noch", sagt sie.

Sparen, kürzen, streichen. Bundesweit fehlen allein in der Finanzverwaltung nach Berechnungen von Dieter Vesper 35.000 Fachkräfte. Und wenn die wenigen Steuerfahnder dann fündig werden, droht der nächste Engpass – in der Justiz.

"Bei der Staatsanwaltschaft haben wir bei unserer zuständigen Abteilung in den letzten Jahren ganz viele fehlende Staatsanwälte oder aber einen ständigen Wechsel und sehr junge Staatsanwälte. Das macht uns ziemlich zu schaffen. Also es ist nicht nur ein Problem der Finanzverwaltung. Das Problem muss man weitersehen: Das ist die ganze Verwaltung", so Monika Heckmann-Schulz.

110.000 fehlende Stellen allein im Öffentlichen Dienst
Die Folge: Verfahren bleiben Jahre lang liegen oder verjähren und die Täter bleiben straffrei. Auch das ist ein Ergebnis der Sparpolitik im Öffentlichen Dienst.

Dieter Vesper sagt dazu: "Nach meinen Berechnungen besteht ein zusätzlicher Bedarf im Öffentlichen Dienst von 110.000 Arbeitskräften.“ 110.000 Stellen – und zwar zusätzlich zu denen, die aus Altersgründen ohnehin neu besetzt werden müssen.

Mehr Personal ist Investition in die Zukunft
Mehr Geld für Bildung und eine bessere Bezahlung der Lehrer. Das fordern auch viele Eltern von der Landes- und Bundespolitik. "Auch der Bund muss dafür sorgen, dass der Lehrerberuf flächendeckend attraktiv ist", meint Kathrin Grix. Attraktiv: Das gilt für den gesamten Öffentlichen Dienst – bis zu den Stadtplanungsämtern und der Finanzverwaltung. Und es rechnet sich.

Dieter Vesper ergänzt: "Für den Staat ist das auf alle Fälle ein Geschäft, mehr Steuerfahnder einzustellen, denn sie schaffen einfach mehr Steuereinnahmen heran und tragen auch zur Steuergerechtigkeit bei.“ Monika Heckmann-Schulz dazu: "Ein Steuerfahnder bringt etwa fünf bis sieben Mal so viel wie er kostet, ein. Das gleiche gilt auch für einen Betriebsprüfer."

Ein funktionierender Staat, mehr Personal im Öffentlichen Dienst: Keine Verschwendung, sondern eine Investition in die Zukunft. Gerade für die Generationen nach uns.

Zum Beitrag / Quelle: http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/sendung-vom-27-09-2017-oeffentlicher-dienst-100.html

 

AKTUELLE ENTWICKLUNGSTENDENZEN UND ZUKÜNFTIGER PERSONALBEDARF IM ÖFFENTLICHEN DIENST

Gutachten erstellt im Auftrag des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung in der Hans-Böckler-Stiftung

Kurzbeschreibung: Nach jahrelangem Stellenabbau im Öffentlichen Dienst zeigt die Statistik parallel zur Verbesserung der Haushaltslage in jüngerer Zeit eine Trendwende. Derzeit bestehen jedoch noch erhebliche personelle Mehrbedarfe, die in den kommenden Jahren gedeckt werden müssen. Insgesamt fehlen der Studie zufolge derzeit mindestens 110.000 Vollzeitstellen. Besonders ausgeprägt ist die Lücke bei der Kinderbetreuung und in den Finanzverwaltungen, aber bei der Polizei und im Schulbereich besteht ein deutlicher Mehrbedarf. Mittelfristig sind dafür Mehrausgaben in Höhe von jährlich 6 Mrd. Euro zu veranschlagen. Mehr: https://www.boeckler.de/pdf/p_imk_study_51_2016.pdf


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