Richter und Staatsanwälte

Justiz: Mein Leben als Staatsanwalt - Ja, ich schicke Leute ins …

Justiz: Mein Leben als Staatsanwalt - Ja, ich schicke Leute ins Gefängnis

SPIEGEL: Staatsanwälte sind Detektive mit Gesetzbuch - aber nur im Fernsehen. Ein Vertreter der Anklage berichtet, wie sein Alltag wirklich aussieht.

Mit der dunklen Limousine am Tatort vorfahren und abends auf eine Zigarre zum Polizeipräsidenten - so sieht der Alltag eines Staatsanwalts aus. Zumindest in TV-Krimis. Mit meinem Leben hat dieses Bild nicht viel zu tun. Ich bin 35 Jahre alt und arbeite jetzt seit vier Jahren als Staatsanwalt.

Ich bin für alle Beschuldigten zuständig, deren Nachname mit einem bestimmten Buchstaben beginnt. Mit Mord und Totschlag habe ich so gut wie gar nichts zu tun, zum Glück. Bei der Leichenschau dabei zu sein, wäre nichts für mich. Ansonsten kümmere ich mich um fast alles: von Autodiebstahl über Betrug und Urkundenfälschung bis zur Kneipenschlägerei. Vieles wiederholt sich auch. Ich muss trotzdem jeder Anzeige mit der gleichen Sorgfalt nachgehen, auch dann, wenn jemand seinen Nachbarn ständig wegen irgendwelcher Kleinigkeiten anzeigt.

Theoretisch ist die Staatsanwaltschaft während der Ermittlungen die "Herrin des Verfahrens". In der Praxis aber ermittelt die Polizei bei alltäglichen Straftaten wie Diebstahl oder Körperverletzung meistens allein, und ich bleibe im Büro. Nur ganz selten gehe ich mal mit zu einer Durchsuchung oder vernehme einen Zeugen selbst.

Mein Job ist es zu entscheiden, wie es mit den Fällen weitergeht, also ob ich Anklage erhebe oder das Verfahren einstelle. Leider hat man für diese Entscheidung nicht immer so viel Zeit, wie eigentlich nötig wäre. In den TV-Krimis ermitteln die Staatsanwälte immer schön in Ruhe einen Fall nach dem anderen. Ich bearbeite jedes Jahr aber viele Hundert, manchmal bis zu tausend Fälle. Am Anfang habe ich jeden Tag zwölf Stunden gearbeitet und oft auch am Wochenende, um die alle zu schaffen. Heute geht es besser, aber die 40 Stunden, die für eine volle Stelle vorgesehen sind, reichen trotzdem nicht aus. Es wäre besser, wenn jeder Staatsanwalt ein paar Akten weniger bearbeiten müsste. Immerhin: Ich kann mir meine Zeit völlig frei einteilen. Hauptsache, ich werde fertig.

An ein bis zwei Tagen pro Woche bin ich im Gericht und trage Anklagen vor - auch welche, die ich nicht selbst geschrieben habe. Ich bin dann bei der Hauptverhandlung dabei, stelle Fragen an den Angeklagten oder die Zeugen und beantrage am Ende der Verhandlung eine Strafe. Entscheiden muss dann das Gericht. Deswegen denken viele, dass Staatsanwälte weniger wert seien als Richter oder dass man vom Staatsanwalt zum Richter befördert werden müsse. Das stimmt aber nicht. Die Einstellungsvoraussetzungen sind dieselben, und man verdient auch das Gleiche. In Bayern wechseln Richter und Staatsanwälte sogar zwischen den Berufen hin und her.

Reich wird man nicht

Um Staatsanwalt zu werden, braucht man in den juristischen Staatsexamen super Noten. Mit denen könnte man in den großen Anwaltskanzleien auch locker ein sechsstelliges Einstiegsgehalt jährlich verdienen. Richter und Staatsanwälte bekommen dagegen am Anfang knapp 3000 Euro netto im Monat, von denen ich allerdings noch die Krankenkassenbeiträge abführen muss. Das Gehalt wird zwar automatisch mehr, wenn man älter wird - aber reich wird man in meinem Beruf nicht. Das stört mich aber nicht.

Was mich aber nervt, ist etwas anderes: Fast überall gibt es flache Hierarchien, nur beim Staat nicht. Ich kann zum Beispiel nicht mit einer Frage zu jemandem gehen, der in der Hierarchie zwei Stufen über mir steht. Ich muss den Dienstweg einhalten, also erst mit meinem Chef reden, der redet dann mit seinem Chef und dann wieder mit mir. Fast wie stille Post.

Insgesamt glaube ich, ist es ganz schön belastend, wenn man 10 oder gar 20 Jahre lang als Staatsanwalt arbeitet. Da besteht schon die Gefahr, abzustumpfen und zu vergessen, was es für einen Menschen bedeutet, wenn er vom Gericht verurteilt wird. Natürlich geht es bei unserer Arbeit um Gerechtigkeit und Genugtuung für das Opfer - aber davon bekommt man im Alltag ja nichts mit. Man sieht nur, dass jemand ins Gefängnis muss. Und das ist nicht immer ein schönes Gefühl.

Quelle: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/mein-leben-als-staatsanwalt-a-1003369.html