Gefährdungsbeurteilung

ver.di: "Arbeits- und Gesundheitsschutz stärken"

ver.di: "Arbeits- und Gesundheitsschutz stärken"

Gefährdungsbeurteilung auch im öffentlichen Dienst kein Selbstläufer

Wenn auf einer Baustelle die Zahl der schweren Verletzungen und Armbrüche plötzlich ansteigt, denkt jedermann sofort an die fahrlässige Vernachlässigung von Unfallverhütungsvorschriften. Wenn im öffentlichen Dienst, in Rathäusern und Justizvollzugsanstalten, in Ministerien und Jobcentern die Zahl der Krankentage steigt, sind es oft nur die Gewerkschaften, die den Blick auf Mängel beim Arbeits- und Gesundheitsschutz lenken. Hoher Krankenstand hat in den Dienstleistungsberufen physische und psychische und Ursachen, die eng mit der Organisation der Arbeit und dem betrieblichen Umfeld zusammenhängen. Zur Vermeidung dieser Belastungen schreibt das Arbeitsschutzgesetz allen Arbeitgebern vor, regelmäßig Gefährdungsbeurteilungen durchzuführen. Die Gefährdungsbeurteilung ist das zentrale Element im betrieblichen Arbeitsschutz. Sie ist die Grundlage für ein systematisches und erfolgreiches Sicherheits- und Gesundheitsmanagement – und seit den Neuregelungen im Arbeitsschutzgesetz 2013 sind ausdrücklich auch psychische Gefährdungen zu berücksichtigen.

Zugegeben: „Gefährdungsbeurteilung“ klingt eher wie Risikomanagement bei Finanztransaktionen, weniger nach Schmerzen im Rücken, die chronisch geworden sind, weil die Verwaltungsangestellte seit Monaten nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht und welche Arbeit sie zuerst erledigen soll. Doch auch genau auf diese typischen Belastungssituationen in vielen Dienstleistungsberufen soll die Gefährdungsbeurteilung hinweisen und rechtzeitig wirksame Abhilfe schaffen.

Eine aktuelle Analyse der betrieblichen Wirklichkeit zur Umsetzung der Gefährdungsbeurteilungsvorschriften kommt allerdings zu ernüchternden Ergebnissen. Drei Viertel der Betriebe setzen die Gefährdungsbeurteilung nicht oder nicht angemessen um, so Andrea Lohmann-Haislah von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bei der Fachtagung der Hans-Boeckler-Stiftung „Neustart des Arbeitsschutzes im öffentlichen Dienst“.

Gefährdungsbeurteilung im öffentlichen Dienst

Fast die Hälfte aller Betriebe im privaten Sektor (49 Prozent) führt keine Gefährdungsbeurteilung durch, auch im öffentlichen Sektor liegt der Anteil der Arbeitgeber, die keine Gefährdungsbeurteilung durchführen, bei über einem Viertel (26 Prozent). Bei den Betrieben, die die Gefährdungsbeurteilung gut (vollständig und fast vollständig) durchführen, liegt der öffentliche Sektor ausweislich der Zahlen von Lohmann-Haislah mit einem Anteil von 42 Prozent deutlich vor dem privaten Sektor, wo nur 24 Prozent der Betriebe eine umfassende Gefährdungsbeurteilung durchführen.

Der Vorsprung des öffentlichen Dienstes ist allerdings kein Grund zum Jubel. Die Notwendigkeit verbesserter Gefährdungsbeurteilung im öffentlichen Dienst – darauf deuten die vorgestellten Daten hin – ist erkennbar hoch: Die Belastungsfaktoren nehmen zu – bei den physischen, ebenso wie bei den psychischen Belastungen ist die Arbeitssituation im öffentlichen Dienst keinesfalls „automatisch“ günstiger als in der Privatwirtschaft.

53 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst gaben bei der von Lohmann-Haislah dargestellten Befragung Belastungen durch Arbeit im Stehen an, 22 litten unter Lärmbelästigungen, 20 Prozent unter schwerem Heben und Tragen. Ordnungs- und Sicherheitsberufe im öffentlichen Dienst zum Beispiel bringen eine hohe Belastung durch Kälte und Zugluft mit sich (33 Prozent), Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in den Sozial- und Erziehungsberufen bestätigen zu 73 Prozent Belastungen durch Arbeit im Stehen. Damit lagen die Durchschnittswerte im öffentlichen Dienst nur leicht unter denen der Privatwirtschaft – mit deutlichen Schwankungen je nach Arbeitsbereich. Unübersehbar gilt: Psychische Belastungen sind weit verbreitet. 65 Prozent der Befragten beklagen verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen zu müssen. Auch die häufige Störung und Unterbrechung bei der Arbeit wird von Beschäftigten im öffentlichen Dienst häufiger als psychische Belastung wahrgenommen als im Durchschnitt (48 im Vergleich zu 44 Prozent). Zudem spielt in den Dienstleistungsbranchen die Interaktionsarbeit, also die Kontakte und Konflikte mit Kunden, eine große Rolle und muss stärker berücksichtigt werden.

Fehltage

Die Fehltage aufgrund psychischer Belastungen haben laut DAK-Gesundheitsreport 2014 einen neuen Höchststand erreicht: ein Anstieg von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Eine gut ausgeführte Gefährdungsbeurteilung ist gerade bei psychischen Belastungen das zentrale Instrument, um den Arbeitsschutz voranzubringen und die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen. Wird das Verfahren sorgsam angewandt, werden die Belastungs- und Risikofaktoren im Betrieb frühzeitig erkennbar (vgl. auch sopoaktuell Nr. 203)

Wichtig ist, dass die Gefährdungsbeurteilung kontinuierlich, vollständig und unter Beteiligung der betrieblichen Interessenvertretung und Einbeziehung der gesamten Belegschaft durchgeführt wird. Werden alle betrieblichen Akteure einbezogen, ist allein schon die Bestandsaufnahmen motivierend, der Weg zu einer Beseitigung der Belastungen geebnet. Im nächsten Schritt müssen daraus wirksame Maßnahmen abgeleitet und danach überprüft werden, wie es die Leitlinie Gefährdungsbeurteilung der GDA vorgibt.

Gefährdungsbeurteilungen sind also die ersten Schritte auf dem Weg zu einer betrieblichen Arbeitswirklichkeit, in der Prävention und Arbeitsschutz selbstverständlich sind. Ver.di gestaltet diesen Weg mit. Gewerkschaften, Betriebs- und Personalräte, sind beim Thema Arbeitsschutz die idealen Ansprechpartner, die das Vertrauen der MitarbeiterInnen genießen und den Arbeitgeber in die Pflicht nehmen können. Für gute und gesunde Arbeit im Betrieb müssen alle betrieblichen Akteure zusammen arbeiten. Die Gefährdungsbeurteilung gibt ihnen dazu ein wirksames Instrument an die Hand.

Nützliche Tipps und Tools für die Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung:

Die ver.di-online-Handlungshilfe zur Gefährdungsbeurteilung enthält grundlegende Informationen zum Themenfeld Arbeits- und Gesundheitsschutz, die im Bezug zur Gefährdungsbeurteilung für alle Betriebs- und Personalräte interessant sind.

Hilfestellungen (z. B. Prüflisten und Auswertungssoftware) zur Durchführung der Gefährdungsbeurteilung erhalten Betriebe über die Unfallkasse des Bundes: (UK-Bund, seit 1.1.2015 UVB).

Auch die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) informiert umfassend zum Thema.

Weitere Informationen: https://arbeitsmarkt-und-sozialpolitik.verdi.de/ueber-uns/nachrichten/++co++1766fb6c-aae3-11e4-9c72-525400248a66